Mal wieder Köln, der Montag nach der PopKomm, Bullenhitze. Gut nur, daß die schmucken Räumlichkeiten des noblen »Grandhotel
Excelsior Ernst« bestens klimatisiert sind. In jenem gediegenen Ambiente nämlich residiert Wyclef Jean, musikalisches Mastermind der »Fugees«, dessen Soloalbum »The Carnival« momentan einstimmiges Kritikerhurra und
formidable »street credibility« nicht nur in der haitianischen Heimat einheimst. Hoffentlich hat der begnadete Remixer - die Hiphop-Welt verdankt ihm einige der vielleicht verrücktesten Neuauflagen von »Staying alive«
bis »Guantanamera« - die Strapazen der Sony-Party gut überstanden und ist in bester Plauderlaune, so sinne ich im Louis-XIV-Fauteuille vor mich hin dösend, als die Promoterin der Columbia mit liebenswertem
Augenaufschlag gen SOLO-Reporter schwebt: “Tja, zwei Sachen: Erstens, es wird wohl etwas später, und, ääh, zweitens, Wyclef ist ziemlich müde. Er war mit Smudo von den »Fanta Vier« bis heute morgen um sechs im
Studio...” Dreißig Minuten später, die Uhr zeigt morgendliche 15:00 Uhr. In der geschmackvoll möblierten Suite hält sich ein sichtlich angeschlagener Wyclef Jean (“Hi, I’m Clef, nice meetin’ you”) mit
teinhaltigen Heißgetränken halbwegs senkrecht in den Polstern, im Hintergrund läßt die geschäftig brummende Air condition um das Auflösungsvermögen des analogen Aufzeichnungsgeräts fürchten. Na, das kann ja heiter
werden.
SOLO: Clef, wie ich eben hörte, hast du Smudo auf der Sony-Party getroffen, und ihr seid gleich bei einer Session im Studio versackt. An was habt ihr gearbeitet?
Wyclef Jean:
An einem neuen Song...
SOLO: Geht’s etwas genauer?
WJ: Wir haben eine neue Version von »Guantanamera« gemixt ...
SOLO:
Noch eine Fassung? Bekommen wir die auf deiner nächsten CD zu hören?
WJ: Vielleicht packen sie auch die »Fantastischen Vier« auf ihre nächste Produktion, wir wissen es noch nicht genau.
SOLO:
Man erzählt sich von dir, du wärst ein absolutes Arbeitstier. Egal, wo auf der Welt du immer bist - deine Crew muß dir ein Studio besorgen. Das scheint tatsächlich zu stimmen...
WJ: (lacht) Yeah!
Das ist unheimlich wichtig für mich. Ich habe eigentlich immer Musik in meinem Kopf, das ist ein ständiger Fluß. Und diese Ideen will ich dann auch umsetzen.
SOLO:
Benutzt du keine mobilen Sequenzer oder musikalischen Notizblöcke à la Roland PMA-5 oder ähnliches?
WJ: Nein, das ist alles in meinem Kopf, sowas brauche ich nicht.
SOLO: Laß uns über
dein aktuelles Album »Carnival« reden, hinter dem mir doch eine sehr ausgeklügelte Konzeption zu stecken scheint. Ich denke da nur an die die einzelnen Tracks verbindenden Szenen im Gerichtssaal ...
WJ:
Ja, es gibt eine klare Konzeption hinter dieser CD: »Carnival« handelt vom täglichen Leben, vom Feiern (WJ sagt “festivity”), von den unterschiedlichen Gefühlen - Liebe, Haß, Frieden, Krieg - und vor allen
Dingen: Humor! Denn ohne Humor können wir nicht durchs Leben gehen. Der musikalischer Leitfaden, der sich durch das ganze Album zieht, stammt aus dem Song »Gone ‘til November«, der nächsten Single-Auskopplung übrigens.
Als ich mit der Arbeit an »Carnival« begann, hatte ich das Gefühl, der Hiphop braucht wieder ein kreatives, wegweisendes Album. Weißt Du, als wir damals mit den »Fugees« »The Score« (die letzte CD der »Fugees«)
produziert hatten, fing alle Welt an, ebenfalls Coverversionen herauszubringen. Da ging es nur noch ums Geldverdienen, mit dem Herzen hatte das nicht mehr viel zu tun. Viele gingen sogar soweit zu behaupten, die »Fugees« wären eine reine Coverband. Daher wollten wir mit »The Carnival« beweisen
(die beiden anderen »Fugees«-Mitglieder Pras Miches und Lauryn Hill sind auf vielen Songs dabei), daß wir »creative kids« sind, kreative Musiker, mit denen man über eine einzige Hit-Produktion hinaus rechnen muß.
Und die Kritiker geben uns recht, in den USA wird »The Carnival« teilweise als kreativstes Album des Jahres gehandelt.
SOLO: Aber »Carnival« ist trotzdem ein Wyclef-Jean-Soloprojekt?
WJ:
Definitv! Ich habe ein Großteil der Songs geschrieben und produziert, die beiden »Rest-Fugees« sind eher Gastmusiker wie z.B. auch die Neville Brothers oder die Salza-Queen Celia Cruz. »Carnival« ist ganz klar kein »Fugees«-Album.
SOLO: Wyclef, viele Kritiker sagen, dein Soloprojekt wie auch die beiden »Fugees«-Produktionen hätten die Grenzen des Hiphop stark erweitert. Was ist deiner Ansicht nach der Kern des Hiphop? Wann
darf Musik sich »Hiphop« nennen?
WJ:
Hiphop ist eine Kultur, eine Lebensform, die direkt von der Straße kommt. Und darin ist im Prinzip alles enthalten: Singen, Tanzen, Musik, Spiel, Klönen (“chat”), was immer du willst. Solange du diese Kultur respektierst, kannst du eigentlich alles tun, und es ist immer noch Hiphop. Aber es muß tief aus deinem Herzen kommen! Die »Fugees« waren bislang die wahrscheinlich einzige Gruppe, bei der die Hiphop-Gemeinde akzeptiert hat, daß auf den Alben gesungen und gerappt wird. Aber es kam eben direkt aus der Seele, das haben alle verstanden.
SOLO: Viele Menschen meinen, Hiphop beschränke sich auf Rap-Vocals und einen guten Beat, das ist es ja ganz offensichtlich nicht...
WJ:
Nein, eindeutig nicht. Hiphop ist eine kreative Lebensform, sie dehnt sich aus, verändert sich. Natürlich gibt es auch hier Innovatoren und solche, die nicht weiter sehen können als bis zu ihrem Mikrofon und ihrer Drum-Maschine...
SOLO: Läßt sich jeder Musikstil in Hiphop eingliedern?
WJ: Yeah, Hiphop ist eine mysteriöse Sache (das vermutet der Autor schon seit geraumer Zeit...). Das ist vielleicht die
einzige Kulturform, in der jede andere Musikkultur ihren Platz finden kann. Überall, wo du hingehst, stößt Du auf Hiphop, Hiphop hat mittlerweile die ganze Welt erobert.
SOLO:
Die »Fugees« zählen zu den wenigen Hiphop-Acts, die mit Live-Musikern auf die Bühne gehen. Du selber bist, wenn ich die Credits richtig gelesen haben, ein Multiinstrumentalist. Was bedeutet für dich das Spielen mit einer Live-Band, warum nicht Turntables und Playback?
WJ: Es ist einfach sehr wichtig, Stereotype aus dem Weg zu beseitigen. Eines dieser Stereotype ist sicherlich, daß keiner beim Hiphop ein Instrument anfaßt, sondern lediglich Turntables benutzt werden. Das
will ich nicht. Ich will auf die Bühne kommen und selber spielen. Die Leute sollen es mit ihren eigenen Augen und Ohren erleben!
SOLO: Wie ist da die Akzeptanz bei deinen Musikerkollegen aus dem
Hiphop-Lager?
WJ: Akzeptanz erhältst Du von der Hiphop-Gemeinde (“Hiphop community”), auf der Straße - nicht von anderen Musikern. Und in New York ist »Carnival« bereits “the number one record on the streets”!
SOLO: War es da nicht problematisch, daß auf »Carnival« so viele karibische und kreolische Einflüsse zu hören sind? Hat das amerikanische Publikum das nicht irritiert?
WJ:
Du mußt wissen, daß es in Brooklyn, dort kommen wir her, eine sehr große Bevölkerungsschicht mit westindischen Roots gibt. Als wir anfingen, haben wir unsere Musik für einen Radius von den vielleicht umliegenden vier Blocks gespielt - für »unsere« Leute also. Wir hatten zunächst nie die Absicht, daß unsere Songs eine so große Verbreitung finden. Aber unsere Musik funktioniert offensichtlich überall, daher werden wir kaum unser Format ändern, nur weil uns jetzt ein paar Leute mehr hören. Wir bleiben uns und dem Hiphop auch weiterhin treu, egal ob das dem Publikum in, sagen wir, Deutschland oder England gefällt oder nicht. Nimm die CD, hör sie dir an, und du kannst die Musik
fühlen! Das ist das einzige für uns, was zählt.
SOLO: Mein Eindruck ist, daß das Album den Hörer langsam auf die ungewohnteren, westindischen Sounds hinführt...
WJ:
Yeah! In meinen Augen ist das ein brillantes Konzept: Die Leute kaufen die CD, legen sie zum ersten Mal auf und wissen nicht, was sie eigentlich erwartet, da die Musik ständig zwischen verschiedenen Musikkulturen wechselt: Wow, jetzt sind wir wieder in England, wow, jetzt in Haiti - das ist cool!
SOLO: Ich habe über »Carnival« gelesen, das Album wäre ein absolut zündendes Beispiel des Ghetto-Theaters. Würdest du dem zustimmen?
WJ:
Ja, definitiv! »The Carnival« ist tatsächlich Ghetto-Theater, denn alles was ich auf diesem Album tue, ist das für die Bühne zu »dramatisieren«, was ich im Ghetto gesehen habe. Der Pflichtverteidiger in den Zwischenszenen, der kaum Englisch spricht, der Killer M.C. - diese Dinge existieren alle, sie sind Realität!
SOLO: Du wirst sicherlich mit »The Carnival« auf Tour gehen ...
WJ: Ja, sicher!
SOLO: Wird das dann eine Art inszenierter Bühnenversion sein?
WJ:
In jedem Fall, da wird’s sicherlich eine Menge zu sehen geben...
SOLO: Wie sieht deiner Ansicht nach die Zukunft des Hiphop aus?
WJ:
Das kann man nie wissen. Wichtig ist lediglich, daß wir versuchen, immer so kreativ wie möglich zu sein.
SOLO: Wyclef, wie arbeitest du im Studio? Welche Rolle spielt Equipment für dich?
WJ:
Hmm, nun gut, ich benutze eigentlich immer ein festes Basis-Setup, wichtiger ist mir allerdings, daß ich zu jeder Zeit über den Dingen stehe, daß ich weiß: Ich bin der Beste indem, was ich gerade tue, keiner kann das besser machen.
SOLO: Gehörst du eher zur digitalen oder zur analogen Fraktion? Ein deutscher Hiphopper bewunderte neulich die digital-trockenen »Fugees«-Beats ...
WJ:
Oh, ich bin ein »Two-inch-Analogman«! Ich mag digitales Equipment nicht, es klingt zu dünn, zu clean. Ich benutze ein altes MCI-Pult von 1967, Neve-Kompressoren, einen S-900, den alten MPC-60, SP-1200, einen Prophecy, Moogs usw. Und ein paar Pedale für meinen Gitarrensound natürlich.
SOLO: Ich meine, einen EH »Big Muff« herausgehört zu haben...
WJ: (lacht) Ja, stimmt...
SOLO:
Du benutzt extrem wenig Hall, dein Sound ist sehr trocken, sehr direkt...
WJ: Yeah, ich benutze Hall wirklich nur als Effekt, ich möchte, das alles sehr rauh, so wie in den »alten Tagen« klingt!
SOLO: Wie produzierst du deine Grooves? Benutzt viel Vinyl oder Sampling-CDs?
WJ:
Also, das meiste auf »Carnival« ist Originalmusik aus meinem Kopf. Wenn ich Loops benutze, dann meistens welche, die man so nicht im Sampler loopen kann. Zum Beispiel diesen Parker-Loop (summt ein paar Takte).
Um den zu loopen, brauchst du einen bzw. zwei Turntables und eine analoge Bandmaschine. Dann kannst du den Parker-Groove hier langsamer machen und da die Drums einfügen (summt den Loop nochmal, der mittendrin einen
Schluckauf bekommt, und rührt mit den Händen an den »virtuellen« Maschinen im Raum...). Verstehst du: So klingt der Loop plötzlich, wird lebendig. Mit digitalem Equipment klingt er hingegen gar nicht ...
SOLO: Du benutzt also nur sehr wenig Sampler?
WJ:
Oh, doch. Ich benutze eigentlich immer Sampler. Ich denke nur, ich benutze sie auf raffinierte Art und Weise, integriere sie ihn meine ganz persönliche Spielweise.
SOLO: Du hast, wenn ich das
richtig gelesen habe, eine klassische Musikausbildung genossen ...
WJ: Jazz!
SOLO: ... inwiefern ist diese Ausbildung wichtig für deine Musik?
WJ:
Diese Ausbildung ist außerordentlich wichtig, “it keeps you on top of the candy!” Wenn ich mir heutzutage die Kids in den Videoclips anschaue, die vorgeben, Musik zu machen, bekomme ich Kopfschmerzen! Immer das gleiche “one, two, three, four “... Es macht schon einen Unterschied, ob du selber hingehen kannst und eine Partitur für ein Orchester schreiben kannst oder nicht ...
SOLO: ... so wie du es für “Gone til November getan hast. Du hast ja auch eigens das »New York Philharmonic« für dieses Stück dirigiert. Wie war das, haben die nicht gemeutert?
WJ:
(lacht) Yeah, viele alte Männer waren da, alte schwarze und weiße Männer! Nein, die haben nicht gemeckert, I’m a good kid, man! Außerdem habe ich es clever angestellt und die Partitur so notiert, daß kein
Schlagzeug darin auftaucht (singt das »Gone ‘til November« Thema). So wußten sie nicht, worum es eigentlich ging und was später draus werden würde (lacht)!
SOLO:
Ja, ja - sobald Schlagzeug dazukommt, wird es böse Popmusik. Das war in der Tat sehr raffiniert. Vielen Dank für das Gespräch - und get some sleep, Clef.
WJ: Yeah, cool, take care, man!